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„From the river to the sea – we need therapy“

Historikerin Fania Oz-Salzberger und Soziologe Jules El-Khatib suchten in Siegen nach einer friedvollen Koexistenz im Heiligen Land

Zwischen Mohamed Barakat und Alon Sander diskutierten in Siegen Jules El-Khatib und Fania Oz-Salzberger.

Siegen. Sowohl die Historikerin Fania Oz-Salzberger von der Universität Haifa als auch der deutsch-palästinensische Soziologe Jules El-Khatib aus Essen haben einen israelischen Pass. Getrennt sind die Mitt-Sechzigerin und der Mitt-Dreißiger durch ihr Alter und außerdem durch ihre unterschiedliche Wahrnehmung der Welt. Das hielt sie jetzt allerdings nicht davon ab, miteinander zu sprechen: erst im Friedrich-Schadeberg-Hörsaal des Campus‘ „Unteres Schloss“ der Siegener Universität, danach im Spandauer Saal der Siegerlandhalle. Rund 100 Zuhörende verfolgten den zweiten Termin, der unter der Überschrift „Israelis und Palästinenser im Dialog – für eine friedvolle Koexistenz im Heiligen Land“ lief. Für die zurückhaltende Moderation bei dem Gespräch waren Mohamed Barakat, Mathematiker an der Uni Siegen, und Alon Sander, jüdischer Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland, zuständig. Nachdem der ursprünglich vorgesehene Dialogpartner von Fania Oz-Salzberger seine Teilnahme in Siegen absagen musste, brachte sie den Namen von Jules El-Khatib ins Spiel. Bereits im Frühjahr hatten sie an der Heidelberger Uni über die gemeinsame Zukunft von Israelis und Palästinensern gesprochen.

Zunächst gaben die Referenten ihre persönliche, biographisch begründete Standortbestimmung: Fania Oz-Salzberger erzählte als Tochter des Schriftstellers, Journalisten und Friedens-Aktivisten Amos Oz von ihrem Aufwachsen in einem Kibbuz. Dabei bekannte sie sich klar zu ihrer starken Prägung durch den Zionismus, der das Ziel eines jüdischen Nationalstaats in Palästina verfolgte und heute den Staat Israel verteidigt. Für sie passten Zionismus und Frieden gut zueinander, ihre eigene Position beschrieb sie mit „Pro Israel – Pro Palästina – Pro Frieden“. Das erste Ziel müsse die Zwei-Staaten-Lösung mit einem Israel und einem Palästina nebeneinander sein, später könne vielleicht noch etwas anderes entstehen. Außerdem müsse man momentan für die Demokratie kämpfen. Dabei blickte sie konkret und kritisch auf die aktuelle israelische Regierung und sagte in Bezug auf die gemeinsame Zukunft von Israelis und Palästinensern in einer Region: „Mein Partner dabei ist Jules, nicht Benjamin Netanyahu“. Sie war sich sicher, dass sie und Jules El-Khatib gemeinsame Werte teilten.

Jules El-Khatib berichtete im Hinblick auf die aktuelle Situation im Gaza-Streifen, dass allein aus seiner Familie über 20 Menschen getötet und mehr als zehn vermisst seien. Wobei er klar machte, dass man beim Verhältnis von Juden und Palästinensern nicht nur über die Zeit seit dem 7. Oktober 2023 sprechen dürfe, es gehe um die vergangenen 70 oder 80 Jahre: „Die Vertreibungen spielen noch heute eine Rolle.“ Es ärgerte ihn, dass man hier nicht über die Deutschen berichte, die in Gaza getötet würden, dass das Palästinenser-Tuch „Kufiya“ sofort als antisemitisch gelesen werde, dass die Menschen in Gaza keine Nahrung bekämen. Man lebe nur 25 Kilometer voneinander entfernt, aber trotzdem in völlig unterschiedlichen Welten. Die Zwei-Staaten-Lösung fand Jules El-Khatib nicht gut, nicht richtig, nicht handhabbar, aber eine Ein-Staaten-Lösung sei auch nicht funktionsfähig.

In der nächsten Runde blickte Fania Oz-Salzberger nochmal in die Geschichte zurück. Sie wolle hier nicht um Opferschaft wetteifern, aber die Juden hätten vor den Nazis fliehen müssen, keines der anderen Länder habe sie aufnehmen wollen, so sei der Staat Israel entstanden. Man könne ja sogar denken, dass das keine gute Idee gewesen sei, aber jetzt lebten die Juden wieder in diesem Gebiet. Für beide Seiten sei die Zeit jetzt die allerschlimmste, der Krieg müsste längst vorbei sein, Netanyahu verlängere ihn mutwillig. Das widerspreche dem Humanismus im jüdischen Glauben, außerdem sei das Wort „Antisemitismus“ längst feindlich übernommen worden und werde jetzt oft zum Schein gebraucht. Dennoch sei für sie der Krieg nach dem Hamas-Überfall, bei dem auch jüdische Friedens-Aktivisten in den Kibbuzim getötet worden seien, zunächst ein gerechter Krieg gewesen.

„Es war nie ein gerechter Krieg“, war sich indes Jules El-Khatib sicher. In Israel gebe es trotz arabischer Staatsbürger dennoch ganz bewusst araber-freie Städte, ein Rechtsstaat sei das ohnehin nicht. Die Demonstrationen in Deutschland gegen den Gaza-Krieg ordnete er folgendermaßen ein: Hier werde für Menschenrechte protestiert, die Teilnehmenden wollten verhindern, dass noch mehr Menschen sterben würden. Das massive Problem mit der wachsenden Zahl der illegalen Siedlungen und Siedler im Westjordanland werde in der deutschen Öffentlichkeit ja kaum thematisiert.

Vom Westbank-Wild-West-Szenario sprechend räumte Fania Oz-Salzberger ein, dass die „schreiende Ungerechtigkeit“ dort einem Apartheids-Gedanken entspringe. Aber in seiner Gänze sei Israel definitiv kein Apartheids-Staat, auch wenn Netanyahu zweifelsohne versuche, die Demokratie hier einzuschränken. Ihre Maxime: „Nimm Fanatiker ins Visier, um Gemäßigte zu mobilisieren.“ Das gelte auch in Bezug auf den 7. Oktober. Dezidiert forderte Fania Oz-Salzberger, das Romantisieren des Massakers müsse aufhören, die Palästinenser müssten sich stärker von den Fanatikern distanzieren.

Daran scheiterte Jules El-Khatib: Auch wenn er sagte, dass Gewalt gegen Zivilisten niemals legitim sei, so hatte er doch generell Verständnis für die Menschen, die Waffen in die Hand nähmen: Auch den 7. Oktober müsse man in einem historischen Kontext sehen. Seine Perspektive für eine bessere Zukunft blieb im Ungefähren: Zuerst müsse man die Solidarität pflegen, man brauche die Zusammenarbeit der Gutwilligen, aber eigentlich komme man ja gar nicht zusammen, deshalb müsse man woanders Gespräche führen. Auf die Arabische Liga setze er dabei nicht, die arabischen Nachbarn seien ja vor allem an Profit interessiert. Es falle ihm einfach schwer, hoffnungsvoll zu sein. Vielleicht war es ihr höheres Alter, ihr größerer Optimismus, ihre längere Erfahrung, ihr gelassenerer Pragmatismus: Fania Oz-Salzbergers Perspektiven für eine bessere Zukunft schienen bodenständiger und visionärer, detaillierter und allgemeingültiger, selbstkritischer und erfolgsversprechender. Es werde weder irdische Gerechtigkeit noch eine Stunde Null geben, die Trauer und das Drama der vergangenen Jahre könnten nicht ausgelöscht werden: „Alle sind zutiefst traumatisiert.“ Und deshalb formulierte Fania Oz-Salzberger den gereimten Palästinenser-Schlachtruf „From the river to the sea – Palestine will be free“ um zum nachdenklichen Spottvers „From the river to the sea – we need therapy“. Dabei steht „river“ für den Jordan, „sea“ für das Mittelmeer. Während der Schlachtruf den Eindruck vermittelt, dass in diesem Gebiet nur Platz für Palästina wäre, konstatiert der Spottvers, dass alle Menschen hier eine Therapie bräuchten. Und sie wurde nochmal konkreter: Zwischen Jordan und Mittelmeer müsse Platz sein für Israelis und Palästinenser. Man könne sich seine zeitgeschichtlichen Verhandlungspartner nicht aussuchen, man müsse die nehmen, die da seien. Gemeinsam müsse man einen für alle gangbaren Ausweg ausloten und finden. Ihr Vater Amos Oz habe immer gesagt, dass „Kompromiss“ das unterschätzteste Wort sei. Das sei nicht in Monaten zu schaffen, möge vielleicht sogar noch Jahre dauern, aber man müsse jetzt anfangen. Und Fania Oz-Salzberger forderte in Siegen Unterstützung ein: „Wir brauchen jetzt euch, liebe Europäer, liebe Deutsche. Ihr müsst uns unterstützen, die Kulturschaffenden und die Zivilgesellschaft, nicht die Regierung.“

„Alle sind zutiefst traumatisiert“, sagte Fania Oz-Salzberger in Siegen nach zwei Jahren Krieg über die Israelis und Palästinenser im Heiligen Land: „From the river to the sea – we need therapy.“

Text und Fotos: Jens Gesper

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