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Wählen gehen – weil wir es dürfen

Der jüngste Laaspher Kommunalwahl-Kandidat denkt mit seiner Oma über die Demokratie nach

Bad Laasphe. „Wir leben ja Gott sei Dank in einer Demokratie, da muss sich jeder einbringen, da muss jeder mitarbeiten“ – das sagte Ruth Bayer vor vier Monaten am 8. Mai, dem 80. Jahrestag des Weltkriegsendes in Europa. Der Christlich-Jüdische Freundeskreis Bad Laasphe hatte für diesen Tag den Kontakt zwischen Menschen, die sich aufgrund ihres Alters aktiv an 1945 erinnern konnten, und Schulen in der Lahnstadt hergestellt: Otto Düsberg sprach mit Gymnasiastinnen und Gymnasiasten des Städtischen, Ruth Bayer mit Förderschülerinnen und Förderschülern der Lachsbach-Schule. Für den Freundeskreis Grund genug, kurz vor der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen nachzufragen, was die 94-jährige Laaspherin mit diesem Satz damals genau gemeint hat. Und neben ihr auf dem Sofa: ihr 18-jähriger Enkel Levin Bayer aus Niederlaasphe, der diesmal mit seinem Geburtsjahrgang 2007 der jüngste Kandidat für die Kommunalwahl in Bad Laasphe ist. Als Fragestellerin dazwischen, die 37-jährige Carmen Jäger, die neben anderen Aufgaben als Pfarrerin im Banfetal arbeitet.

Als Erstes fragt Carmen Jäger den Enkel, was ihm zur Großmutter einfalle: Sie schreibe Leserbriefe, sei die erste Frau im Laaspher Stadtrat gewesen und heute noch Pazifistin. Die Oma ihrerseits findet es „ganz toll“, dass sich ihr Enkelsohn politisch engagiert: „Wir können gut politisieren.“ Dabei ist es für die SPD-Genossin Ruth kein Problem, dass Levin für „Die PARTEI“ antritt.

Ein anderer Unterschied ist wichtiger: Während die Oma erst mit Anfang 30 begann, sich mit Politik zu beschäftigen, sagt der Enkel mit gerade 18 Jahren, er habe sich schon lang für Politik interessiert. Für Ruth war 1962 ein Militärmanöver mit amerikanischer Beteiligung bei Laasphe ausschlaggebend. Als sie sah, wie Panzer aus Richtung Puderbach gekommen seien, habe sie das ans Kriegsende in ihrer schlesischen Heimat Waldenburg erinnert: Sie habe die Tochter und die zwei Söhne nicht in solchen Auseinandersetzungen verlieren wollen, „ich hatte Angst, dass meine Jungs in den Krieg müssen“. Das habe sie aus der Gleichgültigkeit gerissen, das habe sie aktiv werden und Leserbriefe schreiben lassen. So entstand der Kontakt mit der Westdeutsche Frauenfriedensbewegung, von dort kam die Ermutigung, sich in der Lokalpolitik zu engagieren. Was aber Zeit brauchte, 1984 zog Ruth als erste Frau in den Stadtrat von Bad Laasphe ein, dem gehörte sie 15 Jahre lang an. Für Levin ist der Weg möglicherweise kürzer, Interesse an Politik war ja früher da. Der Verfahrensmechaniker „Kunststoff“ verglich die verschiedenen Parteien – und: „Die PARTEI kam cooler rüber.“ Sein Stiefvater Tino Strackbein ist für sie im Stadtrat, mit ihm schnupperte er schon in Fraktionssitzungen hinein.

Nach anderthalb Stunden Gespräch möchte Carmen Jäger wissen, weshalb man spätestens am Sonntag, 14. September, wählen möge. Weil die Demokratie „unser kostbarstes Gut“ sei und man jede Chance zum Mitreden und Mitbestimmen nutzen müsse, sagt Ruth. Levin findet: „Weil wir wählen dürfen, wofür Andere kämpfen müssen. Man will ja mitbestimmen, wer Bürgermeister oder Landrat wird.“ Die größten Hoffnungen und Wünsche der Beiden? Ruth hofft, dass die allermeisten Wählerinnen und Wähler in Bad Laasphe für Parteien stimmen, die die Demokratie so schätzen wie sie selbst. Levin wünscht sich, dass auch viele junge und hoffentlich gut informierte Leute wählen gehen, weil im Rathaus und im Kreistag wichtige Entscheidungen für Bad Laasphe und Siegen-Wittgenstein getroffen werden. Er hofft, dass die Parteien im Stadtrat für gute Ergebnisse gut zusammenarbeiten, damit die Menschen vor Ort spüren, dass man sich für sie einsetzt. Er würde sich insgesamt freuen, wenn mehr junge Leute, auch aus anderen Parteien, in den Gremien mitarbeiten. Denn manchmal haben jüngere Menschen ganz andere Ideen und Wünsche als ältere. Die Geburtsjahrgänge 2006 und 2003 stehen ebenfalls in der aktuellen Liste der zugelassenen Wahlvorschläge der Stadt Bad Laasphe.

Text und Foto: Jens Gesper

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