Aktuelles

„Auch nach dem Nationalsozialismus traten Irrenanstalten Menschenrechte mit Füßen“

Soziologin Kirsten Düsberg blickte in Bad Laasphe auf Krankenmorde und Psychiatrie-Entwicklung zurück

Bad Laasphe. Am Volkstrauertag erinnerte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gerade erst wieder in seiner offiziellen Gedenktags-Rede an die Verfolgten und Getöteten, „deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde“. Bezug nahm er damit auf die Zeiten vor über 80 Jahren, als die Nazis in der Aktion „T4“ systematisch Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Einschränkungen umbrachten. Kurz danach warf jetzt im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Laasphe auf Einladung des örtlichen Freundeskreises für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Kirsten Düsberg nochmal einen Blick auf diese Thematik.

Vor knapp 30 Zuhörenden umriss Kirsten Düsberg im Gemeindehaus am Laaspher Kirchplatz ihren Weg zum Thema „Psychiatrie“.

Die Referentin stammt zwar aus Laasphe, lebt aber seit fast 30 Jahren im norditalienischen Udine. Vor knapp 30 Zuhörenden umriss die Soziologin ihren Weg zum Thema „Psychiatrie“. Sie kam darauf, wie die Ortsnamen „Warstein“ und „Cappel“ in ihrer Wittgensteiner Kindheit und Jugend zunächst tief verwurzelt mit dem Schreckensbild einer Psychiatrie verbunden gewesen sei. In Italien war sie dann dabei, als mit einem neuen Ansatz die psychiatrischen Anstalten aufgelöst wurden: „Lager kann man nur befreien, nicht reformieren.“ Heute arbeite sie als Ausbilderin in der Genesungsbegleitung in Italien. Gleich zu Beginn kündigte sie an, dass sie nicht nur auf Deutschland, sondern immer auch auf Italien schauen werde: „Im Spiegel eines anderen Landes lässt sich das eigene besser verstehen.“

Kirsten Düsbergs Blick in die Psychiatrie-Historie brachte da auch abstruse Theorien zum Vorschein: Etwa das 1900 erschienene Pamphlet „Über den psychologischen Schwachsinn des Weibes“ von Dr. Paul Julius Möbius und das Büchlein „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ des Psychiaters Alfred Hoche und des Strafrechtlers Karl Binding aus dem Jahr 1920. Und nicht nur in Deutschland habe man solche Gedanken gehabt, sondern auch in vielen anderen Ländern. Schon im Ersten Weltkrieg seien Menschen in den Psychiatrien verhungert. Systematisch wurden die Kranken isoliert, von der Gesellschaft abgetrennt. Dabei sei in katholischen Ländern der Widerstand gegen die Euthanasie und die Zwangssterilisierung von Menschen größer gewesen als in den protestantischen. Wobei sich Kirsten Düsberg ohnehin gegen das beschönigende Wort „Euthanasie“ – abgeleitet aus dem Altgriechischen bedeutet es so viel wie „angenehmer Tod“ – verwahrt. Der richtige Begriff sei „Krankenmord“. Sie verwies auf den absoluten Tabubruch, wenn Ärzte ihre Patienten umbringen.    

Soziologin Kirsten Düsberg sprach im Gemeindehaus am Laaspher Kirchplatz über die Verbrechen der Medizin und der Psychiatrie im Nationalsozialismus und deren späte Aufarbeitung.
Margit Haars, stellvertretende Vorsitzende des Christlich-Jüdischen Freundeskreises Bad Laasphe, las beim Vortrag den Brief einer Emma F. vor, die schon im August 1934 Beschwerde dagegen einlegte, dass sie als mutmaßlich Schizophrene sterilisiert werden sollte.

Oft seien diese Nazi-Opfer verheimlicht worden, man schämte sich für die stigmatisierten Kranken. Und die Anstalten seien anders als die Konzentrationslager nicht befreit worden. Auch wenn mit der Ankunft der Alliierten die Tötungen endeten, blieben die Kliniken bestehen: mit den gleichen Patienten, dem gleichen Pflegepersonal, der gleichen Ärzteschaft: „Auch nach dem Nationalsozialismus traten Irrenanstalten Menschenrechte mit Füßen.“ Und die Opfer wurden lange vergessen.

Schritt für Schritt ging Kirsten Düsberg in Bad Laasphe darauf ein, wie der Weg der Nazis hin zu ihrem System der Krankenmorde war.
„Auch nach dem Nationalsozialismus traten Irrenanstalten Menschenrechte mit Füßen“ – Soziologin Kirsten Düsberg erläuterte in Bad Laasphe, wie sie zu dieser Einschätzung kam.

Gleichzeitig stellte Kirsten Düsberg fest, dass sich die Einstellung zu den Menschen mittlerweile verändert habe. Es sei ein Thema, das die ganze Bevölkerung angehe. Man nehme Teilhabe und Selbstbestimmung heute viel wichtiger, die 68er hätten dem Thema neu Schwung gegeben. Aber Therapeuten seien knapp, Therapien kostspielig. Auch wenn sich etwas ändere, gebe es noch viel zu tun. Gerade, weil immer noch die Gefahr bestehe, dass die Psychiatrie Opfer des Systems behandele, aber die wahren, zugrundeliegenden gesellschaftlichen Probleme nicht abgestellt würden. Hier nannte sie die sogenannten Burnouts. Und im Umgang mit Geflüchteten könne eine frühzeitige Wahrnehmung und Behandlung als Prophylaxe wirken. Wobei Kirsten Düsberg nochmal Werbung für das italienische System mit gemeindenahen Diensten statt großer zentraler Kliniken machte. Außerdem hatte sie noch einen Literatur-Tipp: „Unter Verrückten sagt man du“ von Lea de Gregorio. Der Laaspher Christlich-Jüdische Freundeskreis legte in diesem Herbst ein besonderes Augenmerk auf das Thema „Krankenmorde“. Nach dem Kinofilm „Nebel im August“ im örtlichen Residenztheater und einem gemeinsamen Besuch in der Gedenkstätte Hadamar setzte der Vortrag jetzt zunächst einmal einen Schlusspunkt hinter diesen Schwerpunkt. Die Erinnerung daran bleibt dem Freundeskreis aber weiterhin Auftrag, bereits vor acht Jahren war dieses Thema hier vor Ort schon einmal auf ganz unterschiedliche Weise beleuchtet worden.

Christoph Düsberg, Bruder der Referentin, las jetzt bei dem Vortrag aus dem Vorwort zu dem Drama „T4 – Ophelias Garten“, das seine Schwester auf Deutsch übersetzt hatte und das vor acht Jahren in Bad Laasphe aufgeführt wurde.

Text und Fotos: Jens Gesper

Spendenkonten

Da der Verein die alte Synagoge in der Mauerstraße 44 renovieren will, benötigt er finanzielle Unterstützung (Spendenquittungen werden erstellt).

DE42 4605 3480 0000 2002 87
Sparkasse Wittgenstein

DE16 5139 0000 0050 2129 04
Volksbanken Mittelhessen

Cookie Consent mit Real Cookie Banner